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Versuch einer Bilanz

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Die 22. Innsbrucker Promenadenkonzerte fanden vom 4. bis zum 31. Juli 2016 im Innenhof der kaiserlichen Hofburg in Innsbruck statt.

Es konzertierten bei 32 Konzerten 34 verschiedene Formationen aus 9 europäischen Staaten.
Vom klassischen Symphonieorchester abgesehen waren von der Harmoniemusik bis zum großen Blasorchester, von der Bigband der Swing-Ära bis zur Brass Band alle Formen der Bläsermusik vertreten.
Über 1500 Musiker führten an die 300 verschiedene Werke von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik auf.
Die Veranstaltungen wurden von ca. 60.000 Besuchern frequentiert. Die Beurteilung einer so umfangreichen Konzertreihe kann somit kaum unter einen einheitlichen Aspekt gestellt werden, weshalb einige bilanzierende Gedanken, die keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erheben, genügen mögen.

Hochkultur

Jeder begeisterte Blasmusiker kennt den geradezu beleidigenden Umstand, dass Blasmusik, selbst wenn sie sich um ein hohes künstlerisches Niveau bemüht, von Seiten des Hochkulturpublikums, vor allem aber von Seiten des Kulturjournalismus gleichsam als rechter Underground und irrelevantes Amateurgedudel abqualifiziert wird. Diesem Vorurteil versuchten die Innsbrucker Promenadenkonzerte von allem Anfang an durch an der Klassik und an der klassischen Moderne orientierte Programme, ausgezeichnete Orchester und überzeugende Dirigentenpersönlichkeiten entgegenzuwirken. Ebenso ist das umfangreiche Programmbuch als ein Medium einzustufen, mit dem hochkulturelle Ambitionen verbunden werden sollen.

Die Tatsache, dass sich im 22. Jahr der Konzertreihe nun das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Francesco Angelico erstmals zu einer Zusammenarbeit bereitfand, zeigt, dass zumindest zum Teil das Ziel erreicht werden konnte, eine Brücke hin zur klassischen Musik und zu ihrem Publikum zu bauen. Besonders erfreulich war dabei die Tatsache, dass das Wetter mitspielte, sodass die Fans der Innsbrucker Promenadenkonzerte, aber auch die Fans des Symphonieorchesters den Innenhof der kaiserlichen Hofburg buchstäblich bis zum letzten Platz füllten. Die Zusage des Orchesters, auch im Jahre 2017 die Eröffnung der Konzertreihe zu übernehmen, ist denn auch der beste Beweis dafür, dass zumindest bei den ausübenden Musikern die distinktionsschweren Schranken zwischen E- und U-Musik, Bläsern und Streichern beziehungsweise zwischen Profis und ausgezeichneten Amateuren abgebaut werden konnten. Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung irgendwann auch die Kolleginnen in den Kulturredaktionen mitbekommen.

Wetter und Sicherheit

Nicht das Wetter, das am Anfang des Konzertes herrscht, ist entscheidend für den Publikumszustrom, sondern, wie es sich eineinhalb Stunden vor dem Konzert darstellt. Zu diesem Zeitpunkt fällt nämlich die Entscheidung, ob am Abend ausgegangen wird oder ob man doch lieber zu Hause bleibt. In diesem Sinne waren die Verhältnisse der Konzertsaison 2016 gelinde gesagt eine Katastrophe, obgleich es sich dann konkret am Abend weniger schlimm auswirkte. Denn viele Gewitterfronten, die sich angekündigt hatten, zogen vorbei oder regneten sich noch vor 19:30 Uhr aus. Oder sie lösten sich, ungeachtet der als Unwetterwarnung getarnten Versicherungswerbung am Handy, in nichts auf. Dennoch versank etwa das Konzert der Bigband der Bundeswehr Deutschland in Sturm- und Hagelböen, wie auch die wunderbaren Konzerte der Dorfgemeinschaft Hatting und der Stadtmusikkapelle Wilten aus dem meteorologischen Dauertief nicht herauskamen.

Ein ganz neuer Aspekt ergab sich neben den Wetterunbilden auch aus dem Terroranschlag eines Selbstmordattentäters am 24. Juli 2016 in der bayerischen Stadt Ansbach. Plötzlich schienen nicht mehr nur Metropolen wie Paris oder Brüssel bedroht, sondern auch friedliche und kleine Alpenstädte, in denen man bislang nicht im Entferntesten an dieses neueste Krebsgeschwür der modernen Zivilisation denken musste. Plötzlich erwiesen sich auch in Innsbruck und für ein Konzert, das frei zugänglich ist, polizeiliche Schutzmaßnahmen als sinnvoll, eine Verantwortung für die Veranstalter, die nicht gerade dazu angetan war, die mit schöner Musik einhergehende Heiterkeit und Leichtigkeit des Seins in den Vordergrund rücken zu lassen.

Die Moderne ist angekommen

Jedes Jahr stellt man sich als Veranstalter erneut die Frage und diskutiert sie mit dem Team und zahlreichen Zuhörern: Was war eigentlich das bewegendste Stück der Konzertreihe? Das Erstaunliche, das sich bereits in den letzten Jahren ankündigte, ist dabei die Tatsache, dass es vor allem moderne, zeitgenössische

Kompositionen sind, die in besonderer Erinnerung bleiben. So bildete nach übereinstimmender Meinung der meisten, die daraufhin angesprochen wurden, Werke wie „Traveller“ von David Maslanka, in einer wunderbaren Interpretation des niederländischen Orchesters „De Vriedenkrans“ Heel, einen Höhepunkt des Konzertmarathons. Aber auch „Die Legende von Curupira“ des Schweizers Stephan Hodel, dargebracht vom European Brass Ensemble unter Thomas Clamor, oder „Spiriti“ von Thomas Doss, in einer Matinee nicht unbedingt ideal platziert, jedoch beeindruckend interpretiert von der Musikkapelle Peter Mayr Pfeffersberg aus Südtirol, oder „Bachseits“ von Johannes Stert, aufgeführt von der exzellenten Militärmusik Slowenien unter Andreja Solar. Die Moderne ist zumindest beim Publikum der Innsbrucker Promenadenkonzerte angekommen. Eine Moderne allerdings, die sich aufgrund der unverrückbaren physiologischen Rahmenbedingungen der Bläsermusik, aber auch aufgrund der Notwendigkeit, für noch so gut ausgebildete Amateure zu schreiben, nie in die Kakophonie der zumindest in deutschen Landen alles beherrschenden und die meisten hochkulturellen Subventions-Claims besetzenden Avantgarde versteigt. Eine zeitgenössische Musik, welche die Zeitgenossen nicht zu belehren, sondern zu bewegen versucht. Dass dies, besonders was Kompositionen aus den USA betrifft, in solch herausragender Weise gelingt, führt hin zur Frage, ob es nicht in Zukunft die Bläsermusik sein wird, die auch in den Konzerten der klassischen Symphonieorchester, die aufgrund von Überalterung ihr Publikum zu verlieren drohen, für mehr Zeitgenossenschaft sorgen wird.

Höhepunkte sind nicht planbar

Bei der Disposition der Konzertreihe sind drei Parameter von entscheidender Bedeutung. Welches Orchester wird ausgewählt? Welches Programm wird gespielt? Welcher Dirigent ist der künstlerische Leiter? Im Idealfall sollte so lange gesucht und mit Terminen getrickst werden, bis alle drei Bedingungen erfüllt sind. Wenn dem so ist, kann der Veranstalter von sich behaupten, seine Konzertreihe nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet zu haben.

Das Erstaunliche ist jedoch, dass in der Folge keineswegs jene Orchester, Dirigenten und Programme, die im Vorfeld die besten Voraussetzungen mitbringen, auch immer für die künstlerischen Höhepunkte der Konzertreihe sorgen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dem nicht sehr wohl auch so sein kann! Es ist eben alles ungewiss. Die Dinge sind nur bis zu einem gewissen Grad vorausplanbar. Es bleibt immer wieder spannend und überraschend, was wirklich passiert.

So hätte kaum jemand, um nur einige positive Beispiele zu nennen, gedacht, dass die Lungau Bigband mit den Vienna Swing Sisters in so hervorragender Weise auf das Publikum zugeht und es bezaubert. Oder dass das Sinfonische Jugendblasorchester Baden-Württemberg unter Felix Hauswirth schlicht und einfach so großartig und exakt spielt. Oder dass der für Johann Mösenbichler eingesprungene Anton Zapf und die Sängerin Isabell Czarnecki die durchaus

spröden Rückert-Lieder von Gustav Mahler mit dem Polizeiorchester Bayern so unglaublich überzeugend über die Bühne bringen. Und dies nach einem Wolkenbruch für ein eher durchnässtes Publikum. Es ließen sich noch viele Beispiele anführen. All diese Überraschungen sind immer der schönste und vor allem abenteuerlichste Teil der Innsbrucker Promenadenkonzerte, eine Reise ins Ungewisse, die jeder touristischen Abenteuerfahrt ans Ende der Welt an Spannung gleichkommt.

Märsche

Die Friedenszeiten in unserem verwöhnten Europa mögen noch so merklich ihrem Ende zugehen, die Marschmusik und der Marsch werden mit bieder-pazifistischer Verachtung gestraft. Dabei ist ein Marsch, abseits seiner militärischen und politischen Gebrauchs- und Missbrauchsfunktionen, die letztgültige Herausforderung an den melodischen Einfallsreichtum eines Komponisten. Innerhalb weniger Takte sollten im Idealfall drei unverwechselbare und sofort eingängige Ideen vorgestellt werden. Der Marsch hat in der Musik eine ähnliche Bedeutung wie das Haiku in der Lyrik: die äußerste und zugleich sinnlich überzeugende Verknappung lyrisch/melodischer Kreativität, eine Herausforderung, die auch erklärt, weshalb von den 25.000 Märschen, die allein aus der Zeit der Habsburger Monarchie überliefert sind, nur so wenige übrig blieben. Diese wenigen jedoch sind absolute Meisterwerke und sie werden in politisch korrekten Zeiten wie unseren schlicht und einfach von Orchestern und Dirigenten zu wenig gewürdigt. Vom Publikum würden sie es sehr wohl.

Dienen oder Beeindrucken

Alljährlich sind die Innsbrucker Promenadenkonzerte auch ein faszinierendes Beispiel dafür, was geschieht, wenn Orchester oder Dirigenten zu hoch hinaus wollen, und dass es auch ein Zeichen von Professionalität und vor allem von soziokultureller Bildung sein kann, wenn man weiß, wohin man gehört.

Ist es zum Beispiel wirklich eine Zumutung, wenn eine noch so renommierte Bigband, bestehend aus noch so renommierten Jazzern, Glenn Miller spielt? Oder ist es eine Zumutung, von einem Blasorchester, das stolz auf seine tollen Bewertungen in der Kunststufe ist, die Aufführung eines einfachen Walzers oder einer klassische Ouvertüre zu erwarten? Müssen es immer komplexe Werke sein, welche die Grenzen der Leistungsfähigkeit hörbar werden lassen oder darf es zuweilen auch etwas ganz Leichtes sein, das der Lust am gemeinsamen Musizieren die Chance gibt, sich ausleben zu dürfen?

Wenn die Eitelkeit der Dirigenten im Programm zu sehr durchschlägt, führt dies meist zu enttäuschenden Ergebnissen. Wenn Dirigenten und Orchester hingegen ihre Aufgabe in erster Linie darin sehen, Freude zu bereiten und die Herzen der Zuhörer zu bewegen, ist eine künstlerische Reife erreicht, die mit Musik wenig, mit der philosophisch korrekten Verortung des eigenen Handelns jedoch sehr viel zu tun hat. Denn so erstaunlich es ist: Die letzte Gefährdung, die einem noch so begabten Musiker nicht erspart bleibt, ist das Glänzen-wollen, das Beeindrucken-wollen und die Angst vor der Hingabe und dem Dienen. Oder sagen wir es noch pathetischer: die Fähigkeit oder Unfähigkeit, die Musikerinnen und die Musiker des eigenen Orchesters, aber auch die Komponisten der Stücke und vor allem das Publikum zu lieben!

Was bleibt, ist reine Musik

Zum Glück ist auch jedes Jahr dies zu beobachten: Ob es eine Brass Band ist wie „Willebroek“ aus Belgien. Oder das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, das ein Stück des genialen Filmmusikers Nino Rota spielt. Oder das symphonische Blasorchester des Schweizer Armeespiels mit einer Ouvertüre von Gioacchino Rossini. Oder das sinfonische Blasorchester Vorarlberg mit Orchestervariationen von Paul Hindemith. Oder das Staatliche Slowenische Militärorchester mit Werken von Astor Piazzolla. Oder das sinfonische Jugendblasorchester Baden-Württemberg mit der „Feuerwerksmusik“ von Georg Friedrich Händel. Oder die Kärntner Gebirgsschützenkapelle mit einem Flügelhornsolo. Oder, wie schon erwähnt, die Harmonie „De Vriendenkrans“ mit „Traveller“ von David Maslanka. Oder die Philips Harmonie mit dem „Mars der Medici“ und und und…. Ab einem gewissen Grad des Könnens und der Perfektion stellt sich nicht mehr die Frage: Spielt hier ein Brass Ensemble oder eine Bigband? Ein Symphonieorchester mit Geigen oder eine Trachtenkapelle mit Klarinetten? Es erklingt einfach Musik als Ausdruck menschlicher Gefühle und menschlicher Seelenlandschaften. Und das ist herrlich und beglückend. Und je öfter dies geschieht, umso herrlicher und beglückender ist es.

In diesem Sinne freue ich mich schon wieder auf das nächste Jahr und hoffe, dass es allen, die uns unterstützen, ebenso ergeht.

Alois Schöpf, künstlerischer Leiter

Dokumentation 2016...